Auszug "Frei atmen"

 

Genre: Entwicklungsroman

Status: in Überarbeitung (Stand 11.09.2022)

Verfasser: Susanne Kämmerer

Länge: ca. 320 S.

 

 

Plot:

Vor eineinhalb Jahren trifft der Engländer Chris, 34, den smarten Physikstudenten Alexander, 25, in einem Café am Hauptbahnhof Hamburg. Was als Smalltalk zwischen zwei Kaffeetassen und zwei Unbekannten beginnt wandelt sich im Laufe der kommenden Monate zu einer Romanze, die beide auf eine harte Probe stellt, denn: Chris ist verlobt – mit der 31-jährigen Nicole. Die Schuldgefühle des Treuebruchs seiner Verlobten gegenüber und seine Angst vor einem Outing und dem Eingestehen seiner Liebe zu Alexander, die beständig über die Zeit hinweg fast gegen Chris' Willen wächst, scheinen ihn innerlich aufzufressen. Was er in Hamburg treibt widerspricht allem, was er selbst so häufig in seinem Bekanntenkreis predigt.Zermürbt von seinem Gewissen und seinen Gefühlen offenbart er sich schließlich seiner besten Freundin Julia. In diesem Gespräch wird klar: Er liebt Alexander. Und er muss sich entscheiden.

 

 

 

Leseprobe (S. 203-210):

 

Chris erinnerte sich noch gut an die Unterhaltung mit Nathalie. Da Alexanders 25. Geburtstag in diesem Jahr auf einen Freitag gefallen war, fand die Party auf den Tag statt. Auch Chris war eingeladen, mit etwa dreißig seiner Freunde zu feiern, von denen er nicht mal die Hälfte kannte und nur mit einer Handvoll bis dato überhaupt gesprochen hatte. Aber die Party war feucht-fröhlich und Alexanders Freunde waren durchweg sehr redselig und offen, so dass es immer jemanden gab, der sich zu ihm gesellte und sich mit ihm unterhielt. Trotzdem war er froh, als Nathalie auf ihn zu kam.

„Ist hier noch frei?“, sagte sie keck und deutete auf den Platz rechts neben ihm auf der Couch.

„Natürlich“, entgegnete Chris und rutschte ein Stück weiter nach links, damit Nathalie genug Platz hatte. Entspannt ließ sie sich neben ihm nieder. Er ließ seinen Blick unauffällig über seine Sitzpartnerin schweifen. Nathalie trug eine hellblaue Skinny Jeans, die ihre schlanken aber muskulösen Oberschenkel gut zur Geltung brachten. Die Muskeln zeichneten sich durch den weichen Stoff ab. Das blau-weiß gestreifte trägerlose Shirt, das sie in den Hosenbund gesteckt hatte, war sehr hoch geschlossen. Die Haare trug sie offen. Als sie ihr rechtes Bein über das linke schlug, streifte ihr sommerlicher weißer Pump leicht Chris‘ Bein. Nathalie war eine der sehr wenigen Frauen, die Chris kannte, die sexy wirkten, ohne es darauf anzulegen. Sie hätte in Chris Augen auch in einem Sack erscheinen können und immer noch genug Ausstrahlung, um alle Blicke auf sich zu ziehen. Es war auch ihre Art, die ihn faszinierte. Wie Alexander eine Mischung aus Teufel in einem Engelskostüm. Chris schluckte, als sich Nathalie sehr eng an ihn lehnte. Demonstrativ rückte er ein kleines Stück von ihr weg, um ein paar Zentimeter Abstand zu schaffen.

„Ich hätte nicht gedacht, dass du da bist, aber: Schön dich zu sehen.“ Chris nickte ihr als Kommentar wortlos zu. „Magst du eigentlich auch was trinken? Du sitzt hier so trocken.“

Chris zog die Schultern nach oben. „Ja, warum nicht.“

„Ein Bier?“ Chris nickte. Nathalie gab ihm darauf ihre Flasche und erhob sich vom Sofa. „Die habe ich grade aufgemacht. Halte mir mal den Platz frei. Ich bin gleich wieder da.“ Mit diesen Worten verließ sie den Raum. Chris' Blick fiel unterdessen auf Alexander, der in einer Gruppe vor dem Fernseher stand und Karaoke sang. Er schien sehr viel Spaß zu haben. Chris liebte es, ihn so zu sehen. In seinem Element. Seine Offenherzigkeit und sein sprühender Elan. Er sah ihm aber auch an, dass er leicht angetrunken war, was ihn noch impulsiver machte. In dem Moment spürte er eine Hand auf seiner Schulter. Nathalie war mit ihrem eigenen Getränk in der Hand zurückgekommen und ließ sich, gestützt auf Chris, auf den freien Platz neben ihn fallen. Erneut saßen sie Oberschenkel an Oberschenkel. Diesmal rutschte er jedoch nicht zur Seite. Nicht, weil ihm die ungewohnte Nähe nicht unpassend vorkam, sondern weil er es als unhöflich empfunden hätte, dieses Mal so offensichtlich wegzurutschen. Nathalie legte ihre linke Hand demonstrativ auf Chris‘ rechten Oberschenkel und deutete mit der rechten Hand, in der sie die Bierflasche am Hals gepackt hielt, in Alexanders Richtung.

„Er ist heute wieder gut dabei.“

Chris nickte. „Ja. Scheint Spaß zu haben.“

„Willst du auch mal was singen?“

Chris schüttelte amüsiert den Kopf. „Besser nicht. Das wäre weder für mich noch für die anderen ein Spaß.“

„Schade“, gab Nathalie gespielt enttäuscht von sich. „Wir hätten ein schönes Duett singen können. ‚All out of love‘ zum Beispiel.“ Sie schmunzelte ihn an. Ein paar Sekunden saßen sie still nebeneinander. Für Chris eine sehr quälende Stille. Er war froh, als Nathalie sie brach.

„Weißt du was schade ist?“, fuhr Nathalie fort.

„Was denn?“

„Dass wir uns jetzt schon fast ein Jahr kennen, aber uns trotzdem nicht kennen. Verstehst du, was ich meine?“ Chris schaute sie an und nickte. „Ich meine, ich bekomme von Alex oft genug mit, dass du in Hamburg bist, aber er trifft sich fast immer mit dir alleine. Ich weiß eigentlich überhaupt nichts über dich. Außer die paar Brocken, die er mir ab und zu vorwirft.“

„Das stimmt aber so nicht ganz“, verteidigte sich Chris. „Wir haben auch schon geredet.“

„Ja.“ Nathalie winkte beiläufig ab. „Wir haben geredet – aber uns nie wirklich unterhalten.“ Sie setzte sich kerzengerade auf. „Ich weiß, wie du heißt, wie lange ihr euch kennt, wie du aussiehst, was du gerne trinkst  und welcher Filmtyp du bist. Das ist im Prinzip schon alles. Bei allem anderen habe ich nur gefährliches Halbwissen.“ Sie schaute ihn mit einem freudigen Lächeln an und nickte. „Darf ich heute mal den mysteriösen Freund meines besten Freundes kennenlernen?“

„Aber nur, wenn ich seine beste Freundin dann auch besser kennenlernen darf.“ Chris schmunzelte.

Nathalie nickte und drehte sich daraufhin zu ihm, das linke Bein angewinkelt auf dem Sofa seitlich abgelegt, das rechte stand auf dem Boden. Auch Chris drehte sich ein Stück in ihre Richtung. „Du kannst auch gerne anfangen.“

 „Okay.“ Er überlegte. „Wie lange kennt ihr euch eigentlich schon?“

„Ewig.“ Nathalie winkte ab und nahm einen Schluck aus der Bierflasche. „Ich kenne den Kleinen schon so lange er laufen kann. Quasi seit dem Kindergarten.“

„Also kommst du auch aus Hamburg?“

Nathalie nickte. „Geboren und aufgewachsen. Und vermutlich sterbe ich hier auch.“

„Und du studierst Lehramt. Das weiß ich.“ Nathalie nickte erneut. „Aber er hat mir die Fächer nicht verraten.“

„Wonach sehe ich denn aus?“, zwinkerte Nathalie ihn an, woraufhin Chris lachen musste.

„Genau das hat Alex mich auch gefragt. Und ich bin da ganz schlecht drin.“

„Er hat dich auch raten lassen, was er studiert?“

Chris nickte. „Ja. In dem Café an unserem ersten Treffen damals. Als du das rosa Kleid anhattest.“

„Du weißt noch, was ich vor einem Jahr anhatte?“ Sie strahlte Chris an, fasste ihm mit der rechten Hand sanft ans Knie, lehnte sich vor und hauchte: „Ich bin beeindruckt.“ Sie zwinkerte ihm zu. „Ich sah wohl gut aus an dem Tag.“ Sie nahm ihre Hand wieder von Chris‘ Knie und setzte sich erneut aufrecht. Chris schaute kurz unter sich und schnaubte amüsiert, während er den Kopf schüttelte und dann wieder zu Nathalie hochschaute.

„Du siehst immer gut aus. Nicht nur an dem Tag. Und ich glaube, es ist egal, was du anhast.“ Er machte eine kleine Pause und schaute sie unsicher an. Innerlich ohrfeigte er sich. Er wusste nicht, warum er es so oder überhaupt gesagt hatte. „Sorry“, gab er reumütig von sich. „Das war offensiver formuliert als es gedacht war.“

„Sorry?“ Nathalie lachte amüsiert. „Du machst mir ein Kompliment und entschuldigst dich dafür?“ Sie schüttelte amüsiert den Kopf und nahm erneut einen Schluck aus der Flasche.

„Nicht für das Kompliment. Ich…“ Er schluckte. „Ich wollte nicht, dass es sich so anhört, als würde ich dich anmachen wollen, aber in dem Moment war es schon raus.“

Nathalie sah ihn eindringlich an. „Alex hatte echt Recht“, sagte sie nach einer kurzen Weile.

Chris schaute sie verwundert an. „Recht womit?“

„Dass du auf deine nüchterne und seltsam verklemmte, britische Art absolut entwaffnend süß bist.“

„Das hat er gesagt?“ Chris fühlte förmlich, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. Er war verlegen.

Nathalie stieß ihn sanft am Bein an. „Nein, war ein Scherz.“ Sie lachte und zwinkerte ihm erneut zu. „Du kannst dich wieder entspannen.“ Chris atmete unbewusst erleichtert aus. „Aber WENN er es gesagt hätte, hätte er Recht gehabt.“

„Ich weiß nicht, ob das jetzt ein Kompliment sein soll oder nicht.“ Er lachte unsicher auf.

„Soll es.“ Sie nickte.

„Mich als verklemmt zu beschreiben, soll ein Kompliment sein?“

Nathalie schüttelte den Kopf. „Damit meinte ich eher, dass du zurückhaltend bist. Und das finde ich in der Kombination, die hier vor mir sitzt“, sie deutete auf Chris, „absolut sexy. Ich glaube, dass das einfach nur Höflichkeit ist und dass du in Wahrheit eine echte kleine Drecksau bist, wenn man weiß, welche Knöpfe man drücken muss.“ Sie grinste ihn schelmisch an. „Und du siehst auch immer gut aus. Nicht nur heute. Und ich glaube auch, dass es egal ist, was du anhast. Oder auch NICHT anhast…“ Sie zwinkerte ihm zu. „Und das“, sie lehnte sich erneut nach vorne und legte ihre rechte Hand auf Chris Knie, „war MINDESTENS so offensiv gedacht, wie es formuliert war.“ Sie ließ erneut von ihm ab, setzte sich sehr gerade, trank den letzten Schluck aus der Flasche und stellte sie auf den Tisch neben sich. Immer noch pochte es in Chris‘ Kopf. Seine Gedanken rasten. Er war sich sehr unsicher, wie er sich verhalten sollte.

„Ich habe ein Bild bei ihm im Wohnzimmer gesehen. Ist das von eurem Abiball?“, sagte Chris schnell, um das Thema zu ändern. Nathalies Verhalten war ihm sehr unangenehm.

„Das war der Abiball. Ja.“

„Ihr wart ein hübsches Paar.“

Nathalie lächelte ihn an. „Danke“, erwiderte sie sehr zurückhaltend.

„Alex hat mir erzählt, dass ihr mal zusammen wart.“ Nathalie nickte erneut. „Um ehrlich zu sein, hatte ich bei unserem ersten Abend im Halo gedacht, dass ihr ein Paar seid.“

Nathalie lachte amüsiert. „Wieso denn das?“

Chris zuckte mit den Schultern. „Das sah wohl einfach nur gut zusammen aus.“ Er machte eine kleine Pause. „In meinem Freundeskreis geht man so nicht mit normalen Freunden um. Das ganze Umarmen und was ihr so macht. Friends with benefits und so. Das ist mir alles ziemlich fremd.“

Nathalie nickte verständig. „Du meinst, dass dir sowas hier unangenehm ist?“ Sie schmunzelte und tippte demonstrativ mit ihren Fingern auf Chris‘ Oberschenkel. „Dann muss ich dir aber leider sagen, dass du dir den  Freund mit dem falschen Freundeskreis ausgesucht hast, weil: Hier wird das wohl so bleiben.“

Chris lächelte verlegen. „Das befürchte ich fast auch.“ Er schluckte. „Aber ich meine ja nur, dass mir das fremd ist – nicht unbedingt, dass mir das per se unangenehm ist.“

„Dann kann ich mein eiskaltes Händchen ja da lassen.“ Sie zwinkerte ihm zu und nahm noch einen Schluck aus der Flasche. Chris schaute unter sich und schüttelte leicht den Kopf.

„Nathalie“, sagte er plötzlich sehr leise, ergriff ihre Hand und hob sie von seinem Knie und schaute sie an. „Ich weiß nicht, welche Knöpfe du gerade versuchst, bei mir zu drücken, aber…“ Er schüttelte den Kopf und machte eine kurze Pause, bevor er weitersprach. „Ich bin leider einer von der treuen Sorte.“

„Leider?“, zitierte Nathalie ihn und grinste verschmitzt.

„Du bist absolut umwerfend.“ Chris schluckte. „Aber…“ Er schüttelte erneut den Kopf. „Won’t happen.“ Nathalie schaute ihn direkt an. Chris hatte den Eindruck als würde sie zufrieden lächeln.

„Message received“, gab sie als Antwort und zog ihre Hand von der Couch weg und legte sie auf ihren Schoß. In der Tat. Chris analysierte ihren Blick erneut. Sie schien eine Art Zufriedenheit auszustrahlen. Er war verwirrt.

„Also“, fuhr sie fort, „nachdem wir jetzt voneinander wissen, wie umwerfend wir uns gegenseitig finden, aber wir uns einig sind, dass wir nichts dagegen oder dafür tun werden: Was studiere ich?“

 

[… 3 Seiten Auslassung]

 

Chris schaute kurz erneut zu Alexander, der bei einem seiner Freunde stand. Er hatte ihm die Hand um die Schulter gelegt und sagte ihm etwas ins Ohr. Chris fragte sich, was es wohl war.

„Spielst du irgendein Instrument?“, holte ihn Nathalie wieder zurück ins Gespräch.

„Gitarre“, gab er schnell als Antwort. „Und du? Kannst du etwa auch so gut Klavierspielen wie Alexander?“

„Nein“, sagte sie kopfschüttelnd. „Ich bin, was das angeht, mit zwei linken Händen geboren.“

Im Augenwinkel konnte Chris erkennen, dass der Freund, der bei Alex stand, seine Hand um seine Hüfte gelegt hatte und ihn sehr eng an sich zog. Unweigerlich drehte Chris seinen Kopf der Situation zu, um genauer sehen zu können - was Nathalie nicht entging. Sie schaute ebenfalls zur Gruppe herüber.

Nach einer Weile wendete sie den Blick erneut Chris zu und schmunzelte. „Hast du gewusst, dass er total auf Damiano David steht?“

„Damiano David?“ Chris drehte sich zu Nathalie um.

„Der Sänger von Måneskin“, sagte Nathalie klärend. Sie zückte ihr Smartphone und suchte nach einem Bild, das sie ihm zeigte. „Der da.“

Chris schüttelte den Kopf. „Hat er nie erwähnt.“

„Oder Jared Leto?“ Nathalie grinste.

Chris nickte. Alexander war, wie er auch, Fan der Band. In seinem Zimmer hing ein Bild von ihm mit schwarzen Armstulpen, schwarzer Hose und Oberkörperfrei in einer lasziven Pose. „30 Seconds to Mars ist eine gute Band“, gab Chris als Antwort. „Und Jared Leto ist ein guter Sänger und Schauspieler.“

Nathalie nickte scheinbar amüsiert. „Er meinte mal, dass er bei denen unten anfangen würde mit lecken und oben erst wieder aufhören würde.“ Chris bemühte sich, seinen Gesichtsausdruck neutral zu halten und gab ein nüchternes „Interessant“ als Antwort. Er hatte eine schwache Vorahnung, in welche Richtung die Unterhaltung gehen würde und dass sie ihn forderte. „Und weißt du, was er zu mir im Club gesagt hat, als du am ersten Abend reinkamst?“ Chris schüttelte verlegen den Kopf. Nathalie beugte den Oberkörper nach vorne, so dass sie mit ihrem Gesicht sehr nah an Chris kam. „Das gleiche“, flüsterte sie ihm ins Ohr. Chris Pulsschlag erhöhte sich. Seine Hände wurden schwitzig.

„Wieso erzählst du mir das?“, erwiderte er augenscheinlich ruhig. Innerlich rasten seine Gedanken.

„Weil ich mich immer gefragt habe, wieso der Kleine so viel Zeit mit einem verlobten Hetero verbringt, nachdem er mir so einen Spruch gedrückt hat. Und warum er ihn förmlich vor mir versteckt. Und egal, wann ich nachgefragt habe und egal wie hinterlistig: Es kam nichts. Nichts.“

„Vielleicht erzählt er nichts, weil nichts Spannendes passiert, wenn wir uns treffen?“

Nathalie schaute ihn für eine Weile an. Chris konnte nicht genau ausmachen, ob es Enttäuschung oder Wut in ihrem Blick war, aber definitiv verhieß er wohl nichts Gutes.

„Wie lange betrügst du deine Verlobte schon mit ihm?“, fragte sie nach einer Weile ruhig aber bestimmt. Als von Chris keine Antwort kam, fügte sie an: „Und bevor du versuchst, dich rauszureden: Ich habe euch vorgestern gesehen.“

Chris nickte geschlagen. „Wo?“

„Am Elbstrand. Beim Alten Schweden. Ich war da joggen.“ Chris schwieg und senkte seinen Blick. Er hatte sich tatsächlich mit Chris nach der Arbeit zu einer Art Picknick dort getroffen. „Aber ihr wart zu sehr miteinander beschäftigt, um mich zu bemerken.“ Sie machte, wie es Chris schien, eine dramatische Pause, bevor sie sich leicht vorbeugte. „Wenn du gewissenstechnisch schon ein Problem damit hast, wenn ich meine Hand auf dein Bein lege, dann war seine Zunge in deinem Mund definitiv nicht ‚nichts‘ für dich. Und wo genau seine Hände waren, habe ich nicht mal gesehen. Aber zumindest waren sie nicht ÜBER deinem Hemd.“

„Und warum sagst du MIR das und nicht ihm?“ Chris war sehr ruhig. Er kannte Nathalie nicht gut genug, um sie einschätzen zu können.

„Weil ich die beiden Tage lange drüber nachgedacht habe. Er würde mich nie grundlos anlügen bei sowas. Er erzählt mir haarklein, was er mit wem macht. Immer. Selbst wenn ich es manchmal echt nicht wissen will. Er hat bei sowas wenig Filter.“ Sie schmunzelte leicht. „Aber er hat mir nicht mal erzählt, dass da überhaupt was läuft zwischen dir und ihm. Und deshalb muss die Heimlichtuerei  wohl von dir ausgehen. Aus welchem schwindeligen Grund auch immer.“ Sie machte eine kleine Pause und schaute kurz zu Alexander, bevor sie ihren Blick wieder Chris zuwandte. „Also: Wie lange schon? Oder war das das erste Mal?“

Chris schüttelte leicht den Kopf. „Nein, das war nicht das erste Mal.“ Nathalie nickte leicht und machte eine animierende Geste mit der Hand, damit er weiterredete. „Das geht seit etwas mehr als fünf Monaten“, gab Chris ruhig zu.

„Nur das, was ich da gesehen habe oder passiert im Normalfall mehr?“ Chris schluckte. Er empfand Nathalies direkte Fragen zum einen sehr grenzüberschreitend übergriffig, zum anderen aber gerechtfertigt.

„Im Normalfall passiert mehr“, sagte er ruhig.

„VIEL mehr?“, fragte Nathalie. Chris nickte und schluckte gleichzeitig. „Aber du bist immer noch verlobt?“ Nathalie zeigte auf Chris‘ Verlobungsring. Er nickte. Nathalie schüttelte leicht den Kopf. „Was willst du dann von ihm?“ Chris schaute sie wortlos an und schluckte den Kloß in seinem Hals herunter. 

„Das ist kompliziert“, fügte er nach einer Weile reumütig an.

„Kompliziert“, wiederholte Nathalie ruhig. „Kompliziert wie in: ‚Ich weiß nicht, ob ich schwul oder bi bin oder ob das nur eine Phase ist‘?“ Erneut schaute sie auf Alexander, dann wieder auf Chris. „Oder wie in: ‚Es ist kompliziert, das geheim zu halten?‘“

Chris schaute sie wortlos an. Seine Gedanken rasten. Er nickte innerlich beide ihrer Aussagen ab. „Ja“, gab er ruhig von sich und nickte dabei leicht.

„Welches von beiden?“, fragte Nathalie fast streng.

Chris schluckte erneut. „Irgendwie beides“, gab er ehrlich von sich und schaute sie an. Nathalie schien über seine offensichtliche Ehrlichkeit berührt zu sein. Es schien als habe sie diese Antwort nicht erwartet – oder zumindest einen längeren Kampf um die Wahrheit.

Sie nickte leicht, bevor sie ruhig weitersprach. „Magst du ihn oder fickt ihr nur?“ In Chris zog sich unweigerlich alles zusammen. Es war die Frage, die er sich auch schon oft gestellt hatte. „Oder anders gefragt“, fing Nathalie erneut an. „Als du gesagt hast, dass du einer von der ‚treuen Sorte‘ bist, als ich dich angebaggert habe: Bist du IHM treu oder IHR?“ Sie schaute ihn durchdringend an. „Und wenn du SIE damit gemeint hast: Wie egal ist ER dir dann, wenn er offensichtlich nicht ‚zählt‘?“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Der Mann da drüben“, sie deutete auf Alexander, „ist der beste Mensch, den ich kenne. Er ist auch der ehrlichste Mensch, den ich kenne. EIGENTLICH!“, räumte sie betont ein. „Und mir gefällt nicht, dass er plötzlich wegen dir lügt.“ Chris nickte verständig. Nathalie schaute Chris an. Aber sie schien nicht wütend zu sein. „Ich weiß, dass es mich eigentlich nichts angeht, was ihr macht oder auch nicht macht. Ihr seid beide alt genug. Und wenn ihr unbedingt wollt, dass das niemand erfährt, werde ich es niemandem sagen.“ Chris nickte erneut. Ihm fiel ein Stein vom Herzen. „Aber überlegt euch gut, was ihr euch damit antut. Und vor allem, was du IHM damit antust. Und deiner Verlobten. Und ob es das ganze Drama wert ist, das ihr grade an drei Fronten raufbeschwört.“

„Er sagt, dass es okay für ihn ist. So unverbindlich, meine ich.“

Nathalie machte eine kleine Pause. „Er tut manchmal nur so, als ob ihm gewisse Sachen egal wären“, fing sie erneut ruhig an zu sprechen und sah ihn nachdenklich an. „Darf ich dir was sagen - off the record?“

Chris schaute sie verwundert an, stimmte aber zu. „Sure.“ Er nickte leicht.  

Nathalie schluckte. „Aber sag ihm wirklich nichts davon.“

Chris nickte beipflichtend. „Cross my heart.“

„Der Typ, der da bei ihm steht“, sie deutete auf Alexander, der noch neben besagtem Freund stand und sich mit ihm unterhielt. „Das ist Lukas.“ Sie machte erneut eine kleine Pause.

„Und?“, gab Chris fragend gleichgültig von sich.

„Hat er noch nie was von ihm erzählt?“

Chris schüttelte den Kopf. „Nein. Hat er nicht.“

„Lukas und Alex“, sie suchte nach Worten. „Wie drücke ich das jetzt aus…?“ Sie schaute erneut zu den beiden rüber, dann wieder auf Chris. „Die zwei sind seit ungefähr zweieinhalb Jahren Fickkumpels.“ Sie schaute Chris mit einem analysierenden Blick an, der tatsächlich etwas unwohl wirkte, als er nun den Berührungen, die er vor sich sah, Kontext zuordnen konnte und sie nun nicht mal mehr halb so unschuldig einstufte als noch vor fünf Minuten. „Tatsächlich nur Sex. Das beschwören beide. Und ich glaube ihnen das auch. Er ist 29, hat hier in Hamburg Städtebau studiert und ist wegen einer Stelle vor einem Jahr nach Frankfurt gezogen. Als er noch hier in Hamburg war, haben sie es kaum geschafft, ihre gierigen, kleinen Finger mal fünf Minuten voneinander zu lassen.“ Chris schaute kurz zu den beiden, dann wieder auf Nathalie. „Seitdem er in Frankfurt wohnt, ist das zwar weniger geworden, aber Alex ist spätestens immer alle drei Wochen nach Frankfurt gefahren und Lukas war auch ständig immer noch hier. Und im normalen Leben würden die zwei jetzt vermutlich das machen, was ihr vorgestern gemacht habt. Nur nicht ganz so romantisch und es würde dabei nicht bleiben.“ Sie zwinkerte ihm zu, wurde aber dann wieder ernster. „Lukas hat mich vorhin gefragt, ob ich wüsste, was los wäre, weil wohl schon länger nichts mehr läuft zwischen den beiden. Ziemlich genau seit fünf Monaten. Und das läge nicht dran, dass er es nicht probieren würde. Ich habe ihm gesagt, dass ich keine Ahnung habe. Aber guck.“ Sie deutete auf die beiden. „Lukas würde ihn vermutlich am liebsten direkt mitnehmen. Aber er wird wohl nicht mitgehen.“ Sie schaute Chris an. „Ich glaube, das ist wegen dir.“ Eine kurze Stille kam zwischen sie, bevor Nathalie klar aber behutsam weitersprach. „Alex ist kein Kind von Traurigkeit. Noch nie gewesen. Er nimmt sich normalerweise wen und was er will. Und das waren über die letzten Jahre nicht wenige und es war definitiv nicht selten. Aber wenn ich die letzten paar Monate durchgehe und mir überlege, wie oft das in der Zeit war“, sie wiegte den Kopf hin und her, „dann fällt mir tatsächlich niemand ein.“ Sie schüttelte zur Unterstreichung ihrer Aussage den Kopf. „Und das ist nicht nur untypisch für ihn – das gibt es normalerweise nicht, dass er monatelang die Finger stillhält.“ Sie atmete ein paar Mal schwer. Chris bemerkte, dass es ihr nicht leicht fiel. „Du bedeutest ihm vermutlich mehr, als er zugibt.“ Erneut machte sie eine Pause, bevor sie ruhig weitersprach. Sie schaute kurz zu Alexander. „Mir ist vorher nie aufgefallen, wie er dich ansieht. Ich war ein Jahr lang blind.“ Ihr Blick fiel erneut auf Chris und sie lachte verlegen. „Ich habe lange gebraucht, um das Puzzle zusammenzusetzen. Aber nur das macht Sinn.“ Sie schaute ihn plötzlich fast liebevoll an und setzte sich erneut sehr gerade. „Er ist weicher als man auf den ersten Blick denken würde. Man übersieht das leicht, weil er gefühlt immer in die Vollen geht. Ich glaube mit dir ist das nicht anders.“ Chris schmunzelte verlegen. „Du stimmst mir also zu.“ Auch ihr entwich ein Schmunzeln als Chris nickte. „Aber er hat tatsächlich zwei Seiten. Auf der einen ist er absolut emotionslos schwanzgesteuert. Auf der anderen ist er unglaublich romantisch.“ Sie schaute Chris sehr genau an. „Ich weiß, dass das ein Adjektiv ist, das man nicht unbedingt mit ihm verbindet, wenn man ihn in einem Club sieht oder einfach mal so was mit ihm hat.“ Erneut schüttelte Chris leicht den Kopf, um Nathalies Aussage zu bestätigen. „Und solange es dabei bleibt, dass ihr euch einfach nur einvernehmlich mehr oder weniger emotionslos gegenseitig quer durch die Betten vögelt oder euch gegenseitig die Mandeln ableckt wie er und Lukas das jahrelang gemacht haben, kannst du von mir aus deine Verlobte mit ihm betrügen, solange und so oft du willst. Das geht mich nichts an.“ Chris musste zugeben, dass er ein wenig von Nathalies Wortwahl überrumpelt war. Sie erinnerte ihn in diesem Moment stark an Julia. „Ich fände es zwar menschlich unglaublich scheiße von dir, aber es geht mich nichts an. SIE geht mich nichts an“, betonte sie. „Der da drüben geht mich allerdings schon was an.“ Sie nickte in Alex‘ Richtung. „Er ist mein bester Freund und ich werde nicht zugucken, wie er sich selbst oder wie jemand anderes ihn kaputt macht oder ausnutzt.“ Sie schluckte. Für Chris war klar, dass sie es gut meinte – aber auch sehr ernst. „Das hier“, sie tippte sich mit der flachen Hand auf die Brust in Höhe des Herzens, „ist bei ihm tatsächlich, wider Erwarten, sehr zerbrechlich. Auch wenn er es nicht zugibt. Und wenn du merken solltest, dass er mehr will, du da aber keinen Bock drauf hast: Sag es ihm und lass ihn in Ruhe.“ Chris nickte verständig. Was Nathalie sagte war objektiv fair und richtig. „Tu ihm nicht weh, okay?“

„Das habe ich nicht vor.“

Julia nickte. Für ein paar Sekunden saßen sie still nebeneinander, bis sie ihn erneut liebevoll anschaute. „Das gleiche gilt auch für dich.“ Chris schaute sie verwundert an. „Tu dir selbst nicht weh.“ Sie schluckte. „Falls die ganze Sache zwischen euch mal weniger ‚kompliziert‘ werden sollte“, sie zeichnete Gänsefüßchen in die Luft, „als sie jetzt ist und du weißt, was du willst und FALLS das, was du willst irgendwann vielleicht mal mehr ist als jetzt: Sag es ihm.“ Sie lächelte ihn an. „Ich war schon immer der Meinung, dass Menschen am meisten über sich sagen, wenn sie nichts sagen oder wenn sie denken, dass niemand sie beobachtet.“ Sie nickte einmal leicht Lukas und Alex entgegen, bevor sie ihren Blick Chris zuwendete. „Du guckst ihn auch so an.“

„Wie gucke ich ihn denn an?“, entgegnete Chris schüchtern und bemerkte, wie ihm das Blut plötzlich ins Gesicht stieg.

„Du guckst ihn an so wie er dich anguckt… Und den Blick habe ich bei ihm so noch nie gesehen. Was immer das bei euch beiden bedeuten soll….“, betonte sie mit einem kecken Lächeln. „Aber wenn du nicht willst, dass Lukas weiter so an ihm rumtatscht – sei es aus emotionalen Gründen oder einfach nur, weil DU ihn heute noch flachlegen willst: Geh dazwischen“, sagte sie, als sie erneut ihre linke Hand auf Chris‘ Oberschenkel legte und sich zum Aufstehen aufstützte. „BEVOR er ihm doch noch irgendwas Dreckiges ins Ohr säuselt, was er nicht abschlagen kann – oder will.“ Mit diesen Worten und einem Lächeln ging Nathalie von ihm fort und stellte sich zu einer ihrer Freundinnen. Chris selbst blieb noch einen kurzen Moment auf der Couch sitzen, drehte die Bierflasche in der Hand und beobachtete Lukas und Alexander eine Weile, bevor er selbst ebenfalls aufstand und zu den beiden ging.

 

 

 

Neuigkeiten:

 

NEUE Leseprobe 'Frei atmen' 

(11. Juni 2022)

 

 

 

Auszeichnungen

 

 

Laut der Jury der Bibliothek deutschsprachige Gedichte "beherrsche ich mein Handwerk". Ist doch nett... :)

 

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