Auszug "Frei atmen"

 

 

Genre: Entwicklungsroman

Status: fertiggestellt

Verfasser: Susanne Kämmerer

Länge: 184 S. 

 

 

Plot:

Vor eineinhalb Jahren trifft Marketingmanager Stephan, 32, den smarten Medizinstudenten Alexander, 24, in einem Café am Hauptbahnhof Hamburg. Was als Smalltalk zwischen zwei Kaffeetassen und zwei Unbekannten beginnt, wandelt sich im Laufe der kommenden Monate zu einer Romanze, die beide auf eine harte Probe stellt, denn: Stephan ist verlobt – mit der 29-jährigen Nicole. Die Schuldgefühle des Treuebruchs seiner Verlobten gegenüber und seine Angst vor einem Outing und dem Eingestehen seiner Liebe zu Alexander, die beständig über die Zeit hinweg fast gegen Stephans Willen wächst, scheinen ihn innerlich aufzufressen. Das, was er hier in Hamburg treibt, widerspricht allem, was er selbst so häufig in seinem Bekanntenkreis predigt. Er fühlt sich wie ein Heuchler, der sich selbst und alle, die er kennt, verrät. Doch egal, wie hart er sein Gewissen bittet, die Oberhand in dem Ringen zwischen dem, was richtig und was falsch ist, zu behalten: Stephan  kann schlussendlich seinem Verlangen nach Alexander nichts mehr an Argumenten entgegenhalten. Er bricht förmlich ein – und betrügt Nicole. Ein Jahr lang. Zermürbt von seinem Gewissen, seinen Gefühlen und dem gesellschaftlichen Druck offenbart er sich schließlich seiner besten Freundin Julia. In diesem Gespräch wird klar: Er liebt Alexander. Und er muss sich entscheiden.

 

 

 

Leseprobe:

 

„Du kannst auch hier bleiben“, sagte Alexander ruhig.

„Mein Hotel ist gleich um die Ecke“, wies Stephan ihn freundlich aber bestimmt zurück.

„Ich weiß“, entgegnete Alexander und schaute ihn mit großen Augen erwartungsvoll, jedoch auch etwas ängstlich vor der Reaktion, an. Für einen kurzen Moment kehrte Stille ein, bis Stephan sie brach. Er schluckte und versuchte, Alexanders Blick auszuweichen.

„Ich kann nicht bleiben“, sagte er kaum hörbar. Wieder Stille.

„Wieso nicht?“, fragte Alexander ruhig. Er betrachtete ihn sehr genau. Keine Regung entging ihm. Stephan schwieg. Er hatte den Blick gesenkt und jede Faser seines Körpers schien angespannt. Er ballte seine rechte Hand zu einer Faust und ließ sie wieder locker – was er ein paar Mal wiederholte. Seine Gesichtsfarbe änderte sich in ein helles Rot und er bewegte seinen Kopf, als würde er abwägen, was zu tun sei und versuchen, gegen seine Entscheidung Gegenargumente zu finden. Er wollte nichts mehr, als hier bleiben – und genau das machte ihm Angst. Es war ein Gefühl, das er schon so lange hatte: Das Schwanken zwischen den beiden Welten, in denen er sich momentan bewegte und der wachsenden Anziehung, die Alexander auf ihn ausübte. Stephan fühlte, dass die einzige Möglichkeit, sich von diesem Verlangen, dieser Droge, von der er so abhängig war, zu lösen, der Rückzug war – auch wenn er es nicht wollte.

„Ich kann das nicht mehr“, brachte er verloren hervor, den Blick immer noch gesenkt. Alexander nickte leicht zu sich selbst und blickte ebenfalls weg. Er schien enttäuscht. Beide schwiegen, bis Alexander sich ein Herz fasste.

„Willst du gehen?“ Er blickte Stephan an. „WILLST du?“, fragte er eindringlicher und brachte ein zögerliches, unsicheres Lächeln hervor. Stephan sah zu Alexander auf mit einer Spur der Erleichterung. Sein Blick verdunkelte sich jedoch wieder als er ihn ansah. Er blickte wieder weg.

„Wieso klingt das alles immer so einfach bei dir?“, sagte Stephan leise und nachdenklich.

„Einfach?“, fragte Alexander ungläubig nach.

„Ja. Einfach. Als wär dir alles egal. Als würdest du Konsequenzen einfach ausblenden können.“ Er hielt Alexander demonstrativ seinen Verlobungsring vor. „Siehst du das?“ Alexander schluckte. „Die Frau mit dem Gegenstück sitzt jetzt grade daheim und denkt ich bin auf nem Geschäftsessen und dass ich nachher eine Präsentation durchgehe und dann schlafe.“ Er nahm die Hand wieder runter. Er atmete schwer und schluckte. „Ich weiß manchmal nicht, wie ich ihr noch in die Augen sehen kann.“ Stephan schien wütend auf sich selbst und selbstrichtend. „Und du? DU siehst den Ring jedes Mal. Es ist so, als wär er dir egal.“

„Er IST mir egal“, entgegnete Alexander. Wieder kehrte Stille ein. Alexander sprach nach einer kurzen Weile ruhig und besonnen weiter. „Wenn der RING dein Problem ist, dann zieh ihn aus.“ Stephan schaute Alexander ungläubig an. „Aber er ist nicht dein Problem. Deine Freundin genauso wenig…“ Er schluckte und hielt einen Moment inne. „Du und ich… DAS ist dein Problem. Aber das hast du nur mit dir selbst.“ Stephan schüttelte leicht und kaum wahrnehmbar den Kopf. „Wenn das nicht so ist, dann beantworte dir selbst mal die Frage, ob du irgendjemandem sagen würdest, dass da was zwischen uns läuft – wenn du Single wärst?“ Er schaute Stephan immer noch an. Der stand regungslos da, ringend mit sich selbst. „Oder wärst du zu feige…?“ Stephan konnte nicht antworten. Er kannte die Antwort. Er würde es nicht. Alexander sprach weiter mit einem Zug Verachtung in der Stimme. „Du würdest es nicht, stimmt’s?“ Stephan schwieg. „Und du weißt WAS nicht?“, schob Alexander hart nach, „Du weißt nicht, wie du IHR noch in die Augen sehen kannst? Kannst du DIR noch selbst in die Augen gucken? … Wie ist es, wenn man sich jeden Tag selbst anlügt? Wie ist es, wenn man jemandem monatelang was vorspielt? Der Frau, die du angeblich ‚liebst‘?“ Alexander gab einen abwertenden Laut von sich und schüttelte den Kopf.

Stephan schwieg noch immer. Er wünschte, Alexander würde aufhören zu reden, da ihn jedes seiner Worte wie Messer schnitt. Aber er wusste, dass er Recht hatte. „Glaubst du, du tust ihr was Gutes? …Oder dir?“ Stephans augenscheinliche Ruhe trieb ihn fast zum Wahnsinn. Doch er konnte nichts erwidern. Er konnte ihn nicht ansehen. Er war wie erstarrt. Er schluckte und schüttelte leicht den Kopf. Die Hände hatte er in den Hosentaschen vergraben. Er schloss die Augen. Alexander wurde immer ungehaltener. Er stellte sich direkt vor ihn. „Liebst du sie?“, fragte er ruhig. Stephan hob den Kopf und schaute ihn direkt an. Er schluckte erneut und atmete schwer. „LIEBST du sie?“, fragte Alexander erneut, diesmal hart und fordernd. „WILLST du sie überhaupt heiraten?“ Stephan wollte seinen Kopf zur Seite drehen, damit er Alexander nicht ansehen musste – der nahm jedoch seine rechte Hand, drehte ihn wieder zurück und hielt ihn mit beiden Händen fest. „Ich hab dich was gefragt.“ Alexanders Blick wanderte über Stephans Gesicht. Keine Regung entging ihm. Er war ihm so nah, dass er seinen Atem auf der Haut spüren konnte und er fühlte seinen immer schneller und heftiger werdenden Herzschlag. Er schaute Alexander verloren und erschrocken über dessen Härte an. „Oder ist das alles nur Show für die anderen?“ Einige Sekunden vergingen. Alexander schnaubte verachtend und getroffen amüsiert. „Machst du eigentlich beim Küssen und Ficken die Augen zu und stellst dir vor, das wär ich?“, schob Alexander hart nach. Stephans Gesichtsfarbe wurde immer blasser und er zitterte am ganzen Körper. Alexander ließ von ihm ab, drehte sich um und ging Richtung Fenster, fuhr sich mit der rechten Hand durchs Haar, wischte sich durch die Augen, ließ die Hand gegen seinen Oberschenkel prallen und seufzte, enttäuscht, wütend. Er blieb vorm Fenster stehen und schaute hinaus. „Tut mir Leid“, sagte Alexander leise und reuevoll nach einer Weile immer noch zum Fenster heraus blickend. „Es ist nur…“, er machte eine kurze Pause, atmete tief und drehte sich um. Er sprach sehr ruhig. „Ich weiß nicht mehr weiter.“ Er blickte unter sich und machte eine kurze Pause, bis er gebrochen und leise, nach Worten suchend, weiter sprach. „Ich…“ Er stockte. „Diese ganze… ‚Sache‘ zwischen uns….“, er lachte schnaubend, zog die Nase hoch, wischte sich erneut mit dem Ärmel über die Augen und schaute in die Ecke des Raumes, Stephan dabei übergehend. „Ich kann das nicht mehr.“ Er schluckte und atmete tief. „Ich weiß nicht mal, was wir sind…“ Er schaute kurz in Stephans Richtung, der immer noch schweigend da stand. Alexander schüttelte leicht den Kopf, enttäuscht und blickte erneut leer in die Ecke. „Ich lerne viele neue Leute kennen…“, er lachte in sich hinein, verloren, „…geile Typen…“ Wieder schüttelte er leicht den Kopf. „Aber egal, wie geil die sind: Ich kann‘s nicht… Ich kann’s nicht, weil ich denke, ich darf nicht... Und… weil ich immer denke, ich tu dir damit weh und dass ich alles kaputt mache.“ Er lachte unsicher, blickte auf und sah Stephan verloren an. Er sprach sehr ruhig und in sich gekehrt. „Ich will und will gleichzeitig nicht… Komisch, oder? Ich bin einem Typen ‚treu‘ der drei von vier Wochen im Monat seine Alte knallt… Und dem es scheißegal ist, wie es mir dabei geht.“ Stille kehrte ein und er blickte leer vor sich. Schließlich schaute er wieder zu Stephan auf. „Ist unfair, oder?“ Stephan nickte kaum merklich nach kurzem Zögern.

„Tut mir Leid. Ich…“, brachte Stephan leise hervor. „Mir ist es nicht egal, wie es dir geht…“

„Wieso machst du’s dann?“ Stephan stockte.

„Das ist alles nicht so einfach für mich“, schob er sachlich nach. Alexander schaute ihn durchdringend an. Man sah ihm an, dass sein Herz raste.

„Nicht so einfach…“, wiederholte er verachtend Stephans Worte. „Bei dir ist alles immer nicht so EINFACH.“ Sein Ton verschärfte sich. „Und du glaubst, für MICH ist es EINFACH?“ Beide sahen sich ängstlich schweigend an. „Weißt du, wie’s mir geht… jedes und JEDES verschissene Mal, wenn du wieder fährst? Wenn ich genau weiß, dass du drei Stunden später IHR um den Hals fällst und ich hier oben weg bin?“ Er tippte sich mit dem Zeigefinger an den Kopf. „So als legst du einen Schalter um…“ Alexander schaute wieder unter sich und schluckte. „Ich kann keinen Schalter bei mir umlegen...“ Er atmete schwer, sprach leise, den Blick immer noch gesenkt. „Du bist hier drin“, er tippte sich mit dem Zeigefinger erneut gegen die Stirn, „…ob ich will oder nicht. Immer und immer... und scheißverdammt nochmal immer! Aber ich kann das nicht mehr….“ Er zögerte einige Sekunden, „Ich WILL das nicht mehr.“ Er wischte sich erneut mit dem Ärmel über die Augen, schluchzte kaum hörbar.

Einen Moment lang kehrte erneut Stille ein, bis Stephan sie brach.

„Was willst du?“, brachte er scheu heraus. Alexander schaute ihn ungläubig an.

„Was ich WILL?“, schnaubte er harsch. Stephan nickte leicht und blickte ihn an. Alexander schüttelte den Kopf. „Ich will mit dir zusammen sein“, entgegnete er nach einer Weile ruhig – fast sanft. „Und ich will, dass du mit der Lügerei aufhörst.“ Stephan schüttelte verloren den Kopf.

„Das kann ich nicht“, sagte er kaum hörbar.

„Warum?“, schob Alexander ruhig nach. Er bekam keine Antwort. Ruhig und in sich gekehrt sprach er weiter. „Ich war mir noch bei keinem so sicher wie bei dir… dass ich ihn will. Und dass das passt. Aber es ging mir auch noch nie beschissener…“ Eine grausame Stille umhüllte sie. Alexander schluckte erneut, den Blick immer noch gesenkt und in sich gekehrt. Sein Körper begann unmerklich zu zittern. Sein Kopf war gefüllt mit zu vielen Gedanken, die er nicht einmal für sich in Worte fassen konnte. Zu viele Dinge, die unausgesprochen waren. Er hatte das Gefühl, dass es ihn innerlich zerriss. „Was fehlt dir?“, fragte er nach einer Weile sehr ruhig und leise und schaute Stephan kurz an. „Was mache ich falsch, was sie richtig macht? Das würde ich gern wissen…“ Er machte eine kurze Pause und senkte den Blick erneut. „Ich kann nicht ändern, dass ich ein Kerl bin – falls es DAS ist, was dich stört.“ Erneut machte Alexander eine Pause und blickte verloren in den Raum. „Wieso sagst du’s ihr nicht einfach?“, sagte er schließlich sanft. Stephan schaute ihn an.

„Ihr sagen, dass ich sie betrüge?“

„Nein“, entgegnete Alexander. „Ihr sagen, dass du dich in einen Kerl verknallt hast.“ Stephan schluckte. Ihm war klar, dass Alexander ihn forderte. Es war der Moment, vor dem es ihm seit Monaten graute: Sich selbst und vor allem vor ihm einzugestehen, dass das, was als bloße Neugier anfing, sich zu etwas entwickelt hatte, von dem er nicht mehr lassen konnte. „Oder wenn‘s nicht so ist, ihr zumindest sagen, dass du jedes Mal, wenn du in Hamburg bist und mit ihr abends telefoniert hast, ausgehst und mit einem 25-Jährigen fickst.“

Stephan schnaubte gespielt amüsiert, entgegnete aber nichts. Als er Alexanders klare Worte hörte, fiel ihm zum ersten Mal auf, wie zerrissen er wirklich war und was er ihm und sich selbst eigentlich antat. Es gab nur zwei Optionen. Alexander hatte Recht. Entweder er liebte ihn und musste sich über kurz oder lang für ihn entscheiden, oder er benutzte ihn und warf ihn irgendwann weg. Er konnte nicht ewig so weitermachen. Er konnte nicht Nicole heiraten und nebenher in Hamburg einen Liebhaber haben. Ihm wurde klar, dass Option zwei schon lange keine Option mehr war. Und er fragte sich, ob sie es je gewesen war. Als er Alexander vor sich sitzen sah, so schonungslos ehrlich zu ihm und zu sich selbst, fühlte er sich ihm näher als je zuvor. Und doch war die Kluft nie größer, die seine Angst und Lähmung im selben Moment wie einen Keil zwischen sie schlug. Stephan sah ihm bei seinem Nachsatz in den Augen an, dass ihn die Vorstellung, nicht mehr zu sein als ein Zeitvertreib, aufs Tiefste verletzte. Jedoch sagte Stephan kein Wort, was diese Gedanken hätte entkräften können. Er schwieg und doch schrie gleichzeitig in ihm alles auf. Erneut kehrte eine kalte Stille über sie.

„Und wenn ICH es ihr sage?“, schob Alexander sehr leise nach einer gefühlten Ewigkeit nach. Stephan schaute ihn entsetzt an. „Ein Anruf... Und diese ganze scheiß Lügerei wäre vorbei... Und ich schätze innerhalb einer Stunde wüssten es alle deine Freunde und alle deine Verwandten und alle, die dich kennen... Wahrscheinlich würde sie‘s auf Facebook posten, um sich bei dir zu rächen…“

Alexander brachte ein gequältes Lachen hervor. In Stephan brach die blanke Panik aus. Er begann schwer zu atmen. Er stellte sich vor, wie Nicole tatsächlich öffentlich verkünden würde, dass er sie betrogen hatte – und dann auch noch mit einem Mann. Stephan hatte sich geirrt. Nicht die Konfrontation mit Nicole wäre eines seiner schlimmsten Albträume... Die Tatsache, dass alle anderen es dann auch ungefiltert und unkontrolliert erfahren und unerbittlich weitertragen und kommentieren würden, bereitete ihm viel mehr Bauchschmerzen.

„Bitte...“, brachte er leise und flehend hervor. Alexander schüttelte den Kopf.

„Keine Sorge.... Ich werde dir dein Pleasantville-Frauchen nicht auf den Hals hetzen...“, brachte er leise und fast beiläufig, gleichgültig hervor. „Das musst du selbst klären...“ Es schien, als wäre in ihm der Wille gestorben, um Stephan zu kämpfen – als würde er aufgeben, weil er keinen Halm mehr sah, an dem er sich hätte halten können. „Wieso hast du so Angst davor?“, fragte er ruhig.

„Wovor?“

„DU zu sein…“ Für 30 Sekunden kehrte Stille ein. Verachtend ironisch fuhr Alexander fort. „Ja, ich weiß: Das ist alles ‚nicht so einfach’ für dich…“ Er lachte und schüttelte den Kopf. „Aber weißt du was?“ Er schaute Stephan verständnisvoll an. „Ich war mal wie du… Ich hab mir Gedanken gemacht, was alle Welt über mich denken könnte. Dass sie mich weiß Gott was nennen und abstempeln und all so was, wenn ich mit einem Typen durch die Stadt ziehe… Viele haben das auch gemacht, aber von denen hat es mich eh nicht interessiert. Das sind die Leute, auf die man verzichten kann… Es war auch nicht immer ‚einfach‘ für mich. Ich wäre auch gerne ‚normal‘ – aber ich bin es nicht. Und ich konnte es mir auch nicht aussuchen. Aber es gab einen Moment, da habe ich kapiert, dass es nicht darum geht, die ANDEREN glücklich zu machen. ICH muss glücklich werden. Und wenn das nur mit einem Mann geht, dann muss ich das akzeptieren…“ Er schluckte. „Du kannst es nie allen Recht machen. Die Leute reden immer – also ist es egal über was. Und es ist besser, sie hören es von dir selbst, als dass sie es hinten rum rauskriegen. Du tust keinem einen Gefallen. Du machst dich nur selbst kaputt.“

Stephan schaute Alexander an, der leer und melancholisch an die Decke starrte.

„Es ist FEIGE“, fuhr Alexander fort, „alles immer auf andere zu schieben… Die anderen sind nicht dein Problem. DU stehst dir selbst im Weg. DU. Und nur du allein! NIE ist was ‚einfach‘ bei dir. IMMER ist alles ein Problem. Alles wird HEIMLICH gemacht – als ob es das weniger schlimm machen würde. Aber irgendwann… Irgendwann fällt das ganze Lügenhaus zusammen…“ Er schaute Stephan an. „Lügen kommen IMMER raus. So oder so. Wenn sie es nicht schon längst ahnt – oder weiß… Sie ist ja nicht blöd. Vielleicht wartet sie nur auf den passenden Moment, um es dir zu stecken.“ Stephan schüttelte den Kopf. Dieses Szenario war eins seiner schlimmsten Albträume, von denen er schon oft schweißgebadet erwacht war.

„Sie ahnt nichts“, entgegnete er Alexander. Der schnaubte und lachte in sich.

„Ja… Glaubst DU.“ Er schüttelte leicht den Kopf, drehte sich mit dem Gesicht zur Wand und schlug mit der Faust leicht gegen die Wand, bevor er sich mit der Stirn dagegen lehnte und ein paar Mal schwer atmete, bevor er sich wieder umdrehte, an der Wand entlang in Richtung Boden rutschte und so sitzen blieb. Seine Unterarme auf den Knie abgestützt, lehnte er den Kopf gegen die Wand und schaute leer nach oben.

Nach einer Weile blickte er ihn an. „Ich vermisse dich schon, bevor du überhaupt in diesen scheiß Zug jedes Mal steigst“, brachte Alexander gequält hervor. „Ich kann mich nicht so irren…“ Er schluckte und man merkte deutlich, dass ihm jedes Wort schwer fiel. „Ich weiß zum ersten Mal, was ich will... Was das hier...“, er klopfte sich mit der flachen Hand leicht auf die Brust, „...will.“ Er atmete sehr schwer ein und aus. „Und ich hab's schon gewusst, als wir im Halo waren.“ Er schaute leer in den Raum und schwieg eine Weile. „Und du bist über acht Jahre mit deiner zusammen und weißt nicht, was du willst... Geil...“, schnaubte er verachtend amüsiert und zog die Nase hoch. Er schaute zu Stephan auf. „Liebst du mich?“, brachte er scheu hervor. Stephan erschrak. Alles in ihm zog sich zusammen. Er konnte nicht antworten. Ja, dachte er. Er liebte ihn. Er war sich bei nichts sicherer als dabei. Alexander wandte seinen Blick ab und schaute unter sich, fast sicher auch darauf keine Antwort zu bekommen. Stephans unmerkliches Nicken bekam er nicht mit. „Ich weiß, dass du's tust“, schob er sehr leise und verloren nach. „Aber anscheinend nicht genug...“ Wieder erfüllte Stille den Raum. Wieder umschlang Stephans Herz dieses unerbittliche eiserne Band. Er fühlte sich wie in einer skurrilen Hochzeitsszene – nur umgekehrt. Wie an der Stelle, an dem der Priester die Anwesenden fragt, ob irgendjemand einen Grund vorbringen möchte, warum diese beiden nun nicht den heiligen Stand der Ehe eingehen sollten. Er fühlte, dass dieser Moment seine letzte Chance war, dass Alexander sich wohl entscheiden würde, sollte er keinen Einspruch erheben, und dass dies definitiv sein letztes Friedensangebot war. Die letzte Möglichkeit, sich zwischen ihm und Nicole zu entscheiden. Aggression und Gebrochenheit lagen gleichzeitig im Raum. Beides bedingte einander. Und Stephan fühlte sich so schlecht und so klein wie noch nie in seinem Leben. Er empfand so viel für diesen Mann und doch war er wie gelähmt bei jedem Gedanken daran, es offen zu sagen und die unabdingbare Konsequenz daraus zu ziehen. Jetzt war die Zeit, zu sprechen – doch er schwieg. „Nat meinte, ich soll dich gehen lassen… Und so langsam denke ich, dass sie Recht hat.“ Stephan schüttelte kaum merklich, jedoch von Alexander erkennbar, den Kopf. „Dann gib mir EINEN GRUND, warum nicht“, forderte Alexander ruhig. „…nur einen verdammten Grund…“ Stephan schaute ihn gequält an, brachte aber keinen Ton hervor. Alexander schüttelte enttäuscht den Kopf, lehnte ihn an die Wand und schloss die Augen. Er atmete einmal schwer ein und aus. „Wenn‘s nichts gibt, was du mir sagen willst“, sagte er verloren, „dann geh…“ Er wischte sich mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand die kommenden Tränen aus den Augen. „Fahr zurück nach Potsdam… Und komm erst wieder, wenn du weißt, was du willst… Oder gar nicht.“ Stephan nickte Alexander verständig zu.

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Laut der Jury der Bibliothek deutschsprachige Gedichte "beherrsche ich mein Handwerk". Ist doch nett... :)


 

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