Auszug "Frei atmen"

 

Genre: Entwicklungsroman

Status: abgeschlossen (06.01.2022)

Verfasser: Susanne Kämmerer

Länge: ca. 250 S.

 

 

Plot:

Vor eineinhalb Jahren trifft der Engländer Chris, 32, den smarten Physikstudenten Alexander, 24, in einem Café am Hauptbahnhof Hamburg. Was als Smalltalk zwischen zwei Kaffeetassen und zwei Unbekannten beginnt wandelt sich im Laufe der kommenden Monate zu einer Romanze, die beide auf eine harte Probe stellt, denn: Chris ist verlobt – mit der 29-jährigen Nicole. Die Schuldgefühle des Treuebruchs seiner Verlobten gegenüber und seine Angst vor einem Outing und dem Eingestehen seiner Liebe zu Alexander, die beständig über die Zeit hinweg fast gegen Chris' Willen wächst, scheinen ihn innerlich aufzufressen. Was er hier in Hamburg treibt widerspricht allem, was er selbst so häufig in seinem Bekanntenkreis predigt. Er fühlt sich wie ein Heuchler, der sich selbst und alle, die er kennt, verrät. Doch egal wie hart er sein Gewissen bittet, die Oberhand in dem Ringen zwischen dem, was richtig und was falsch ist, zu behalten: Chris  kann schlussendlich seinem Verlangen nach Alexander nichts mehr an Argumenten entgegenhalten. Er bricht förmlich ein – und betrügt Nicole. Ein Jahr lang. Zermürbt von seinem Gewissen, seinen Gefühlen und dem gesellschaftlichen Druck offenbart er sich schließlich seiner besten Freundin Julia. In diesem Gespräch wird klar: Er liebt Alexander. Und er muss sich entscheiden.

 

 

 

Leseprobe (S. 89-92):

 

Er trank den letzten Schluck und stand auf.

„Willst du auch noch eins?“

Chris nickte. Alexander nahm Chris’ leere Flasche vom Tisch, ging damit in die Küche und kam mit zwei neuen zurück. Er gab Chris eine davon und setzte sich.

„Aber es wundert mich, dass du fragst, ob es anders war“, sagte Alexander. „Du hast ja auch den Vergleich jetzt.“

Chris nahm einen Schluck. Ihm wurde leicht flau im Magen. Er ahnte, was kommen würde.

„Wie ist denn Sex mit mir?“, fügte Alexander keck an und zwinkerte. „Im Vergleich zu einer Frau.“

Chris schmunzelte und lachte verlegen.

„Wieso habe ich gewusst, dass das jetzt kommt?“

„Weil du ein schlaues Kerlchen bist.“ Er setzte sich aufrecht und schaute sein Gegenüber spitzbübisch an. „Also: Wie bin ich so im Bett?“  

Chris blickte unter sich, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, die Bierflasche mit beiden Händen gefasst und schüttelte langsam den Kopf. Er suchte nach Worten.

„Du redest nicht oft über Sex, oder?“

Christ schüttelte erneut den Kopf.

„Das ist es nicht“, erwiderte er nach einer Weile. 

„Woran liegt es denn dann?“ Alexander schaute ihn fragend an. „Es hilft glaube ich, wenn man nicht so viel darüber nachdenkt. Einfach das sagen, was einem in den Kopf kommt bei der Frage. Spontan.“

Chris schaute ihn an.

„Das Erste?“

Alexander nickte.

„Sex mit dir ist geil.“ Chris schluckte. „Du hättest an dem Abend im Halo alles mit mir machen können und ich hätte es geil gefunden.“

Alexander zog die Augenbrauen hoch.

„Und: War es anders als mit deinem Frauchen?“

„Was willst du denn hören?“, entgegnete Chris schroff und schaute ihn direkt an. „Sorry.“ Er winkte mit der Hand ab. „War nicht so gemeint.“ Wieder suchte er nach Worten. „Natürlich war es anders.“ Verschämt blickte er unter sich. „Du riechst allein schon unglaublich anders als eine Frau.“ Er lächelte verlegen.

„Und das ist gut oder schlecht?“ Alexander wirkte unsicher.

„Wenn das schlecht wäre, wäre ich nicht hier.“ Er schaute sein Gegenüber kurz an, wendete seinen Blick jedoch nach einer Weile ab. „Es ist das komplette Paket, das bei dir anders ist.“ Chris hob seinen Blick erneut. „Gut anders. Aufregend.“ Er schluckte und machte eine kurze Pause. „Du bist eine absolut fordernde, tabu- und schamlose Drecksau, die weiß, wie sie kriegt, was sie will.“ Er nickte seine Aussage beipflichtend ab. „Und anscheinend stehe ich auf sowas.“ Er schluckt erneut. „Ob ich auf Sex mit dir nur deswegen stehe, weil ich das von der Art her so nicht mit Frauen kenne, oder ob ich drauf stehe, weil du ein Mann bist, weiß ich nicht.“ Chris schaute Alexander scheu an. „Aber es ist definitiv anders mit dir als mit den Frauen, die ich hatte. Und das liegt nicht nur am offensichtlichen Unterschied.“ Er blickte verlegen unter sich. Alexander schmunzelte.

„Zwei Schwänze im Bett, meinst du mit ‚offensichtlichem Unterschied‘?“, erwiderte Alexander keck, um die Situation aufzulockern.

Chris schüttelte amüsiert den Kopf und nickte.

„Ja, genau. Zwei Schwänze im Bett.“

Eine kurze, unangenehme Stille kam zwischen sie.

„Und sonst so? Date-technisch?“, lenkte Chris das Thema in eine andere Richtung.

„Wie viele Beziehungen ich hatte? Oder willst du wissen, wie viele ich schon in der Kiste hatte?“ Alexander lachte.

„Ist die zweite eine Zahl, die mich erschreckt?“

Alexander zog die Schultern hoch und grinste schelmisch.

„Weiß ich nicht. Wie viele hattest DU denn?“, warf Alexander die Frage seines Gegenübers zurück. „Nur damit ich mal eine Hausnummer habe zum Vergleich.“

Chris überlegte. Er war seit acht Jahren mit Nicole zusammen. Davor hatte er noch zwei feste Beziehungen. Insgesamt kam er dabei auf 12 Jahre in festen Händen gegen vier Jahre Singleleben. Er musste gestehen, dass er immer sehr brav gewesen war. Sex hatte er nur in Beziehungen. Das einzige, zu dem er sich gelegentlich hatte treiben lassen, waren Küsse in Bars oder Clubs, wenn er sich vorher etwas Mut angetrunken hatte.

„Vier“, sagte er schließlich.

Alexander schaute ihn ungläubig an.

„Du willst mich verarschen.“

Chris schüttelte den Kopf.

„Ich hatte Sex mit vier verschiedenen Leuten“, wiederholte Chris die Aussage.

„Du siehst so aus, wie du aussiehst und hattest Sex mit vier Leuten in wie vielen Jahren?“

„15.“

„Bin ich da schon mit drin in der Rechnung?“, fragte Alexander.

Chris nickte beipflichtend. Alexander beugte sich nach vorne, stützte die Ellbogen auf die Knie und vergrub sein Gesicht in den Händen.

„Alles gut?“ Chris fasste ihm an die Schulter. Alexander nickte, das Gesicht immer noch in den Händen vergraben. Nach einer Weile löste er sich aus der Haltung und lehnte sich wieder auf der Couch zurück. Er schaute Chris an.

„Ja, alles gut. Ich komme mir nur grade vor, wie die größte Schlampe der Welt – im Vergleich zu dir.“

Chris lachte verlegen.

„Also die Zahl würde mich erschrecken?“, griff er seine Frage wieder auf.

Alexander schnaubte beschämt und schüttelte gleichzeitig ungläubig den Kopf.

„Ich weiß nicht mal, wie viele es waren“, gab er beschämt zu. Er überlegte. „Beziehungen hatte ich drei. Über insgesamt bisschen was mehr als zwei Jahre. Und ansonsten: irgendwas um die 30.“

Chris zog die Augenbrauen nach oben.

„WOW…. Sportlich“, kommentierte er ironisch. „Und das in“, er begann zu rechnen, „vier Jahren… Bin ich da auch schon mit drin in der Rechnung?“, witzelte er an Alexander zurück, der nickte und wie gerade zuvor sein Gesicht erneut nach vorne gebeugt in den Händen vergrub. „Und was war ich für eine Nummer? Irgendwas Mitte 20 bei der Schlagzahl?“

Chris lächelte gekünstelt. Er empfand eine gewisse Erleichterung als er sah, wie sich Alexander vor ihm scheinbar schämte. Dieser antwortete zunächst nicht auf die Frage, sondern bewegte stattdessen lediglich seinen Kopf in den Händen hin und her.

„Darf ich dich was fragen?“, brachte er schließlich schüchtern heraus und schaute Alexander an. Dieser hob den Kopf aus den Händen und richtete sich auf.

„Wir fragen uns doch schon den ganzen Abend aus.“ Er schmunzelte gequält. „Oder kommt jetzt der Hammer, auf den du mich mental erst mal vorbereiten musst?“

Chris verneinte beruhigend durch das leichte Kopfschütteln. Erleichtert atmete Alexander aus. Aber Chris konnte dennoch Anspannung in seiner gesamten Haltung erkennen.

„Warum ich?“ Chris schluckte. Alexander schaute ihn mit ängstlichen Augen an. Stille kam zwischen sie.

„Und was willst DU hören?“, fragte Alexander schließlich ruhig.

„Die Wahrheit wäre schön.“ Chris sprach sehr vorsichtig und in sich. Er hatte sich aufrecht hingesetzt, die Füße fest auf dem Boden aufgestellt. Die Ellbogen auf den Knien abgesetzt. Die Fingerspitzen der Hände formten ein Dreieck und seine Lippen stießen gegen die Zeigefinger.

„Warum ich?“, wiederholte Chris seine Frage erneut und schaute Alexander direkt an. „Warum nimmst du dir nicht einfach einen von deinen tausend jungen, Single-Bekanntschaften aus Hamburg, die gefühlt alle auf dich scharf sind? Warum ausgerechnet mich?“

Alexander schaute unter sich. Er saß ebenfalls aufrecht an der Kante der Couch und hatte die Ellbogen auf den Knien abgelegt. Die Hände vor sich gefaltet.

„Ich wohne in Potsdam“, fuhr Chris fort. „Ich bin fast zehn Jahre älter als du und ich bin verlobt. Ich bin der einzige, bei dem das keinen Sinn macht.“

Alexander nickte leicht. Die Hände immer noch gefaltet. Den Blick gesenkt. Chris erhob sich von der Couch und ging ein paar Schritte bis er sich schließlich mit dem Rücken an die Innenseite des Türrahmens lehnte. Die Hände verschränkte er vor der Brust, den Kopf an das Holz angelehnt, die Augen geschlossen. Er atmete ein paar Mal tief und ruhig durch, bevor er die Augen wieder öffnete und weitersprach.

„Ich kann nicht hier her kommen und mit dir jedes Mal sonst was machen… Auch wenn ich noch so drauf stehe. Das ist falsch.“

Alexander stand nun auch von der Couch auf, stellte sich vor Chris und schaute ihn an.

„Doch, kannst du“, sagte er sehr leise und legte seine rechte Hand an Chris’ Nacken. Mit dem Daumen strich er an seiner Wange entlang. Chris atmete schwer mit leicht geöffnetem Mund.

„Allein, dass ich hier bin, ist schon falsch“, sagte Chris gebrochen. „Allein, dass wir drüber diskutieren, wie es ist zwei oder einen Schwanz im Bett zu haben, ist falsch. Da muss ich noch nicht mal was machen, um mich dabei schlecht zu fühlen.“

Alexander schüttelte leicht den Kopf und schaute Chris an. Dieser senkte den Kopf. Alexander trat einen Schritt auf Chris zu, so dass er direkt vor ihm stand. Er drehte ihn zu sich, legte beide Hände um Chris’ Nacken und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Chris schloss die Augen. Für einen kurzen Moment schickte ihn der Kuss wieder zurück in die Halo-Nacht. Als er Alexanders Hände spürte, die sich nun um seine Hüften legten und sein Mund, der über die Schläfe, die Wange zu seinem Hals wanderte und ihn sanft aber bestimmt mit dem Rücken in den Türrahmen drückte, fühlte er erneut das Verlangen in sich aufsteigen, das er im Club hatte. Chris öffnete die Augen und ließ Alexander innehalten, indem er ihn mit beiden Händen leicht zurückdrängte. Alexander ging noch einen kleinen Schritt zurück und lehnte sich ebenfalls mit dem Rücken an den Rahmen, den Kopf gegen das Holz gelegt, die Arme verschränkt. Er schaute flüchtig ins Schlafzimmer nebenan, dann wieder auf sein Gegenüber.

„Wir können kein Paar sein“, sagte Chris klar und schaute Alexander dabei direkt in die Augen. Dieser musterte ihn.

„Vielleicht will ich das ja gar nicht“, erwiderte Alexander sanft. Er drückte sich mit dem rechten Fuß vom Rahmen ab und stellte sich direkt vor ihn. „Vielleicht will ich dich ja genau deshalb.“

Chris’ Brustkorb hob und senkte sich schwer als Alexander sich mit diesen Worten zu ihm lehnte und am Nacken küsste. Seine Hände wanderten über Chris’ Gürtelschnalle und er öffnete sie mit einem Ruck. „Vielleicht stehe ich nicht auf Pärchenabende.“

Er öffnete den Knopf der Hose.

„Oder Händchenhalten“, fuhr Alexander fort. Er ließ seine rechte Hand über Chris’ Schritt gleiten und packte ihn schroff an. Chris atmete hart aus.

„Oder kuscheln.“ Er lachte überlegen auf. „Vielleicht will ich nur Sex.“

Alexander hatte immer noch die Hand fest auf Chris’ Schritt und rieb mit der flachen Hand über dem Stoff sein immer härter werdendes Glied. Chris hatte die Augen geschlossen. Den Mund halb geöffnet gab er einen lustvollen Laut von sich. In seinem Kopf drehte sich alles. Alexander beobachtete ihn genau, als er seine Hand in Chris’ Unterhose schob und Haut an Haut sich berührte.

„Nein“, gab Chris plötzlich schwach von sich und öffnete die Augen. Er atmete immer noch schwer. Sein Blick war schuldig und erschrocken über sich selbst, dass er ihm nicht schon früher Einhalt geboten hatte. „Nein“, wiederholte er, immer noch schwach und zog Alexanders Hand von ihm weg und schüttelte dabei leicht den Kopf. „Ich will nicht“, sagte er leise. Er war in Panik. Er wollte und wollte gleichzeitig nicht. Oder wollte er und verbot es sich? Oder wollte er es vielleicht wirklich nicht? Er war verwirrt. Er sah seinen einzigen Ausweg in der Flucht, um diese Entscheidung nicht fällen zu müssen. Als er bereits den ersten Schritt weg von Alexander gemacht hatte, hielt dieser ihn am Hemdärmel fest und zog ihn zurück.

„Bitte bleib“, sagte Alexander unerwartet sanft und drehte Chris erneut mit dem Rücken an den Türrahmen und stellte sich direkt vor ihn. Chris konnte Alexanders Atem auf seiner Haut spüren. Er fühlte die Hitze, die sein Körper ausstrahlte. Sein Herz schlug mit einem Mal schneller, als Alexander ihn ansah. „Tut mir leid.“ Er hatte Chris an den Flanken gefasst. „Aber ich werde aus dir nicht schlau.“ Er schüttelte verloren den Kopf. Die Hände behielt er an Chris’ Flanken und drückte sie leicht. Er war bemüht, sie dort zu belassen, was ihm sichtlich schwer fiel. Er sprach ruhig und sanft. „Wenn du gewissenstechnisch so ein Problem damit hast, was im und nach dem Halo passiert ist – oder die ganzen anderen Male: Warum bist du hier? Und warum kommst du immer wieder her, obwohl du genau weißt, dass ich meine Finger nicht von dir lassen kann?“ Er schaute Chris eindringlich an, während dieser ihn verloren ansah und schwieg. „Ich nehme dich deinem Pleasantville-Frauchen nicht weg.“ Alexander schluckte. „Und das hier muss niemand erfahren.“ 

 

 

Neuigkeiten:

 

Roman abgeschlossen!

NEUE 

Leseprobe 'Frei atmen' 

(06. Jan 2022)

 

 

 

Auszeichnungen

 

 

Laut der Jury der Bibliothek deutschsprachige Gedichte "beherrsche ich mein Handwerk". Ist doch nett... :)

 

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